2016-10-18

Braunschweig braucht geschützte Radfahrstreifen

Letztens hatte ich einen alten Freund für zwei Tage zu Gast. In der Radstation am Braunschweiger Bahnhof haben wir ihm schnell ein Leihfahrrad für 6 € pro Tag besorgt und schon ging's los.

Er fährt nicht so häufig Fahrrad. Und auch wenn es ihm Spaß macht, so ist er doch sehr langsam unterwegs. Für mich absolut kein Problem. Allerdings merkt man so recht schnell die schlechten Seiten von Braunschweigers Fahrradinfrastruktur.

Vom Bahnhof weg gibt es wunderbar-breite Radwege. Leider enden die nach einiger Zeit an Kreuzungen und schon ist - leider - Hintereinanderfahren angesagt. Nicht so schön. Das ist einer der Gründe, aus denen ich stets sage: Auch wenn 2-Meter-breite Radwege an jeder Hauptstraße noch lange nicht genug sind, so wäre es doch eine immense Verbesserung hier in Braunschweig.

Dennoch kann man sich auch während des Hintereinanderfahrens ein wenig unterhalten. Und immer wieder gibt es Stellen, die zwar nicht breit genug fürs Überholen sind, doch aber genug fürs Nebeneinanderfahren von zwei Bekannten.

Jetzt werden sicher wieder einige daherkommen und sagen: Ja, die ollen Radwege halt. Darum: Wahlfreiheit! Gegen Benutzungspflicht kämpfen! So sehr ich dieser Sicht auch folgen kann: Was hätte es uns in der Situation genutzt, wenn der Radweg nicht benutzungspflichtig gewesen wäre? Ich fahre nicht gerne zwischen KFZ - insbesondere nicht auf Hauptstraßen - und mein Besuch schon gar nicht. Was uns geholfen hätte, wäre ein breiterer Radweg. Mehr nicht.

Sehr viel schlimmer waren sowieso die Abschnitte, die wir in der Innenstadt mit KFZ, insbesondere mit Bussen, teilen mussten. Die Busfahrer (interessanterweise übrigens nicht die Busfahrerinnen) der Braunschweiger Verkehrs-AG sind mir schon lange negativ aufgefallen, wenn es um Abstände beim Überholen von Radelnden oder um Auffahrabstände ging. Einer schnitt mir auch schon mal den Weg ab und riskierte einen Unfall, da ich vor ihm auf der gleichen Fahrbahnspur wie er fuhr, wo ich es durfte. Wie ungehörig von mir.

Wie dem auch sei, das Fahrbahnfahren war jedenfalls immer dasselbe: Stressig: Entweder knapp von KFZ überholen lassen und die Gefahr eingehen, von einer sich öffnenden Autotür umgenietet zu werden, oder in der Mitte der Spur fahren. Ich kann sowas, aber ich hasse es auch, weil ich einfach nur entspannt von A nach B auf dem Rad fahren will. Und, völlig egal, was mir Leute erzählen, für mich ist es das Gegenteil von Enspannend - auch nach Jahren des Alltagradelns. Insbesondere einen Bus für mehrere 100 Meter auszubremsen ist etwas, das sich nicht Viele zutrauen.

Und da haben wir es wieder: Fahrbahnfahren ohne Schutz vor KFZ ist eben nicht für Jede und Jeden. Interessanterweise waren die Abschnitte, die mir dieses mal so stressig vorkamen, nur wegen meines Besuchs so stressig, welcher natürlich nichts dafür konnte. Normalerweise fahre ich in den entsprechenden Abschnitten viel schneller und halte zwar nach wie vor die KFZ auf, aber nicht allzu stark. Jetzt aber fuhren wir max. 10kmh - mitten auf der Fahrspur. Dafür braucht es Mut, Selbstvertrauen, Übung. Nichts also für Schwache, Langsame oder solche, die einfach nur entspannt fahren wollen.

Ich weiß daher sehr genau, was mein Besuch auf dem Rad ohne mich an den stressigen Stellen gemacht hätte: (Illegal) auf dem Gehweg Fahren. Sehe ich als Radfahrer dort öfter. Und auch als Mitfahrer im Bus habe ich dort schon mehrmals gesehen, wie eine Radfahrerin oder ein Radfahrer nach ein wenig Bus-Aufhalten, schön schnell auf den Gehweg "flüchtete".

Und zwar hier ("Hintern Brüdern"):


Es handelt sich um eine erst kürzlich komplett erneuerte Einbahnstraße, die für Radelnde in beide Richtungen freigegeben ist. Um besser sichtbar zu machen, dass Radelnde hier in der Tat in Gegenrichtung fahren dürfen, wurde ein Schutzstreifen aufgetragen. Der weitere Verlauf sieht folgendermaßen aus:



Hier fahren relativ viele KFZ entlang, darunter ein Großteil der Braunschweiger Linienbusse - alle nämlich, die von der Haupt-Bushaltestelle "Rathaus" wegfahren. Die Wahrscheinlichkeit für Radelnde hier ist demach groß, Bussen zu begegnen oder hinter sich zu haben.

Auch PKW machen hier das Fahren allerdings stressig. Am Anfang des beschriebenen Abschnitts existieren einige KFZ-Parkplätze an der rechten Seite. Dort muss mittig gefahren werden, da Radelnde sonst Autotüren abgekommen könnten - also: KFZ aufhalten.

Hinter den Parkplätzen ist es eigentlich korrekt, weiter rechts zu fahren (mit genügend Abstand zum Bordstein natürlich). Trotz der Tatsache, dass dort eine Kreuzung ist, wird natürlich sofort überholt:


Viele Überholende halten dabei genügend Abstand, aber knappe Überholmanöver gehören hier zur Tagesordnung. Auch Busse haben mich hier schon knapp überholt.

Es kommt häufig vor, dass auch hinter der Kreuzung überholt wird. Das ist gefährlich, da vor der Kurve danach schlecht eingesehen werden kann, ob eine Radfahrerin oder ein Radfahrer entgegenkommt. Und natürlich wird für das Überholen der Schutzstreifen mit verwendet:


Auch ohne Überholmanöver wird der Streifen allerdings als Abkürzung verwendet:


Aus dem Grund musste ich dort schon ein oder zwei mal eine Notbremsung machen. Gelenkbusse fahren hier übrigens auch und die überfahren immer die Linie - egal, ob ein Radfahrer darauf fährt oder nicht.

Kein Wunder also, warum ich hier in einer halben Stunde mindestens 18 (!!!) Gehwegradelnde gesehen habe. Z. B.:





Ich ärgere mich im Nachhinein darüber, nicht alle gezählt zu haben. Und darüber, dass ich nicht aufschrieb, wie viele Radelnde insgesamt passierten. Dennoch war der Anteil der Gehwegradelnden relativ hoch.

Natürlich muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass Viele noch nicht wissen, dass ein Weg neben einer Fahrbahn nicht unbedingt benutzt werden darf. Und dass Radelnde in diesem Abschnitt auf der Fahrbahn fahren müssen. Aber es dürfte den Meisten klar gewesen sein, dass Radelnde hier, zumindest in einer Richtung, auf der Fahrbahn fahren dürfen, da der Schutzstreifen dies anzeigt. Nichtsdestotrotz bin ich davon überzeugt, dass die hohe Zahl Gehwegradelnder nicht allein darauf zurückzuführen ist.

Ich wurde in der halben Stunde, die ich dort stand, sogar Zeuge einer unschönen Situation. Einer Situation, die ich fast täglich erlebe, wenn ich in Braunschweig auf Schutzstreifen unterwegs bin: Ein Auto will ein Fahrrad überholen. Leider kommt ein weiteres Fahrrad entgegen. Also: Trotzdem Überholen:



Es fehlt hier der Schutz vor KFZ. Das ist der Grund, aus dem mein Besuch hier ohne mich nicht auf der Fahrbahn gefahren wäre. Und ich wage die Behauptung, dass dies auf Viele zutrifft. Es ist eben nicht einladend, direkt vor und neben KFZ fahren zu müssen. Und es ist nicht sicher.

Objektiv kann diese Straße allerdings sehr sicher sein. "Sicherheit" besitzt nämlich zwei Komponenten: Die objektive und die subjektive Sicherheit. Objektive Sicherheit ist die reale Sicherheit, die sich in Unfallzahlen niederschlägt. Die nackten Zahlen also. Subjektive Sicherheit dagegen meint die die "gefühlte" Sicherheit. Ein gutes Beispiel für subjektive Sicherheit ist die Polizeibeamtin oder der Polizeibeamte. Steht sie oder er in der Bahnhofsvorhalle, fühlen sich Menschen allein durch ihre oder seine Anwesenheit sicherer.

Beide Sicherheitskomponenten für sich genommen sind bei Radverkehrsinfrastruktur zu berücksichtigen und keine darf zu kurz kommen. Eine Straße an einem bestimmten Ort kann objektiv (fast) perfekt sicher für Radelnde sein und subjektiv nicht. Es kann z. B. durchaus sein, dass auf einer Hauptstraße mit vielen KFZ, viel Schwerlastverkehr und zwei Spuren auf bestimmten Abschnitten keine Unfälle geschehen. Aber würden sich dort Radelnde sicher fühlen und dementsprechend dort gerne fahren? Umgekehrt kann Infrastruktur subjektiv sehr sicher sein und objektiv nicht. Ein schmaler, für Radelnde freigegebener Gehweg, der zwischen Bäumen weit weg von KFZ an vielen, stark genutzten Einfahrten entlangführt, kann sehr angenehm zu befahren sein, dürfte jedoch sehr unfallträchtig sein. Beide Extrema stellen keine gute Lösung dar.

Die gezeigte Infrastruktur in der Straße "Hintern Brüdern" würde ich als objektiv sicher einstufen und auch als subjektiv sicher, aber eben auch als subjektiv noch lange nicht sicher genug. Was hier für wirklich radverkehrsfördernde, attraktive Infrastruktur fehlt, ist der Schutz vor KFZ; exklusiver Platz für den Radverkehr. Und: breitere Wege für den Radverkehr.

Wir brauchen geschützte Radfahrstreifen.

P. S.: In der halben Stunde sah ich auch zwei Radelnde auf dem Schutzstreifen in falscher Richtung! Und eine Motoradfahrerin oder ein Motorradfahrer überholte auf dem Schutzstreifen einen Bus, ohne dass einsehbar war, ob vor dem Bus entlang ein Fahrrad in Richtung Schutzstreifen unterwegs war!

Kommentare:

  1. Ein sehr schöner Beitrag! Ich möchte ergänzen, dass objektive und subjektive Sicherheit sehr stark zusammenhängen: Ohne gefühlte Sicherheit gibt es keine tatsächliche Sicherheit. Warum ist das so? Die wenigsten werden eine objektiv sichere Strecke nutzen, wenn sie sich nicht sicher anfühlt. Also kann diese Strecke für fast niemanden objektiv sicher sein (weil die ja woanders fahren). Fazit: Objektive Sicherheit ist nur möglich mit gleichzeitiger subjektiver Sicherheit. Oder anders ausgedrückt: Fahrrad-Infrastruktur, die sich nicht gut anfühlt, ist Müll.

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    1. Vielen Dank für die netten Worte. Bzgl. der Ergänzung bin ich allerdings eher der Ansicht, dass - zumindest technisch betrachtet - eine objektiv sehr sichere Strecke auch immer real sicher ist und auch so bezeichnet werden kann. Ich finde jedoch auch, dass eine solche Strecke ihren Zweck ohne subjektive Sicherheit einfach nicht erfüllt, da weniger Radelnde von der realen Sicherheit profitieren.

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